Quantensprung in der Patientenversorgung
Stuttgart. Die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte ist nicht mehr aufzuhalten. Sie bedeutet für Versicherte und Ärzte eine erhebliche Sicherheit bei dem Umgang mit sensiblen Daten. Der bislang immense Papieraufwand kann reduziert werden und Millionen von Euro an Beitragszahlungen können eingespart werden. Das war der Tenor der Experten bei einem Pressegespräch zu dem die TELI e.V. (Journalistenvereinigung für technisch-wissenschaftliche Publizistik) in den Turm des Stuttgarter Hauptbahnhof eingeladen hatte. Kritik gab es für das vorzeitige Ende der Tests in Heilbronn, Martin Gödecke, Leiter strategische Projekte und Telematik bei der Telekom-Tochter T-Systems, sagte: „Als Industrievertreter kann ich die Entscheidung nur bedauern. Tests sind dazu da, Fehler zu finden. Wer beim Testen nichts findet, macht etwas falsch. Daher wären gründliche Tests gut investierte Zeit.“
Jährlich müssen Millionen von Rezepten bei den Krankenkassen per Hand verarbeitet werden. Dieser Aufwand würde nach Einführung der elektronischen Gesundheitskarte eGK wegfallen, denn die Rezepte würden vom Arzt auf die eGK übertragen und könnten vom Apotheker ausgelesen werden. Ebenso der Betrug mit den bisherigen Krankenkassenkarten, der ebenfalls immens ist., so der Leiter der Landesvertretung i der TK in Baden-Württemberg Andreas Vogt vor Journalisten. Die neue Gesundheitskarte wird mit einem Lichtbild des Versicherten versehen. Weitere Vorteile sind die Sammlung von relevanten Gesundheitsdaten auf der eGK. Labordaten, Warnhinweise über Allergien, Blutgerinnungsstörungen usw. können mit Einverständnis des Patienten auf der eGK gespeichert werden. Jedoch keine Röntgenaufnahmen, so Vogt. Dafür reicht der Speicher auf der eGK nicht aus.
Die Testphase in der Region Heilbronn habe gezeigt, dass die Erprobung mit 15 Ärzten, drei Apotheken, einer Klinik sowie 9000 Versicherten sehr gute Ergebnisse gebracht hätten. Jedoch sozialpolitisch schwierig war beispielsweise das Einlösen der Rezepte. Man habe den Patienten nicht vorschreiben können, dass diese bei den teilnehmenden 3 Testapotheken eingelöst werden. Ansonsten war die Testphase sehr zufriedenstellend, so Vogt. Auch der Datenschutz sei gewährleistet, denn das Auslesen der ohnehin verschlüsselten sensiblen Daten erfolgt nur mit dem Zweischlüsselprinzip. Die Karte eines Berechtigten aus dem Gesundheitsbereich (Arzt oder Pflegepersonal) und die eGK des Patienten müssen in das Lesegerät gesteckt werden. Der Patient gibt seine Karte mit einem 6stelligen PIN frei. Erst dann können die Patientendaten ausgelesen werden. Mit dem vollen bundesweiten Einsatz der eGK rechnet Andreas Vogt erst ab 2015 bis 2020. Bis dahin werden noch einige Testphasen bundesweit laufen.
T-Systems ist schon einen Schritt weiter. In der Ruhrgebietsstadt Bottrop startete die IT-Tochter der Telekom in Zusammenarbeit mit dem Versicherungsträger Knappschaft in Kooperation mit einem Ärztenetz ein Modellprojekt, dass bereits über die eGK hinausgeht: die elektronische Patientenakte, EPA. An dem Pilotprojekt sind 50 Arztpraxen und das Knappschaftskrankenhaus Bottrop beteiligt, so Martin Gödecke, Leiter strategische Projekte und Telematik bei t-Systems.
Gespeichert werden die digitalen Patientenakten in verschlüsselter Form in einem Hochsicherheits-Rechenzentrum von T-Systems. Innerhalb des Hochsicherheitsbereiches sind die betreffenden Server zusätzlich noch in einem massiven Stahlkäfig untergebracht.
Derzeit nehmen über 26.000 Knappschaftsversicherte freiwillig an dem Test teil. Das Projekt der EPA ist auf drei Jahre angelegt.. Über die eGK hinaus können Daten aus der Patientenakte, Röntgenbilder, Krankheitsverläufe, Arztberichte usw. in die EPA kopiert werden. Durch eine jederzeit widerrufbare Freischaltung der EPA durch den Patienten, haben Ärzte verschiedenster Fachrichtungen darauf Zugriff. Dies erleichtert nicht nur die Diagnoseerstellung, sondern vermindert den Aufwand mit Papierdokumenten. Die Patientendaten sind so verschlüsselt, das das Aufbrechen solch einer Verschlüsselung länger dauert, als eine Patientenakte überhaupt existiert. Auf der EPA können auch mehrere Episoden (Krankheitsverläufe) zu einer Krankheit dokumentiert werden. So sieht der behandelnde Arzt den gesamten Krankheitsverlauf und ggf. Begleiterkrankungen, bzw. dokumentierte Folgeschäden. Aus dieser Datensammlung können präzisere Diagnosen und Therapien erstellt werden. Auf die Patientendaten hat das medizinische Fachpersonal nur dann Zugriff, wenn es mit einer speziell personifizierten Karte ausgestattet ist und der Patient seine Karte mit einer PIN freigibt. Nur wenn beide Karten in einem Lesegerät stecken, kann der medizinische Klinikmitarbeiter (Ärzte und Pflegepersonal) auf die EPA zugreifen, so Martin Gödecke.
Jederzeit hat der Patient aber die Möglichkeit, die vom Arzt gespeicherten Daten anzusehen und auch zu löschen. Hierzu werden spezielle Terminals zur Verfügung stehen, in denen die Inhalte der EPA nach Eingabe des PIN ausgelesen und auch gelöscht werden können. Die Zukunft gehört der elektronischen Erfassung der Patientendaten.„Es wird ein Quantensprung in der Patientenversorgung sein“, so Gödecke. „Wollen wir nicht, dass der Arzt die modernsten technischen Geräte vorhält? Dann müssen wir uns aber auch einverstanden erklären, dass der Arzt die bestmöglichen Informationen für Diagnose und Therapie erhält“ betonte der IT-Experte.
Verantwortlich für diesen Beitrag: Juergen Bause


